Wir haben alles, und trotzdem sind wir nicht glücklich.  Könnte ein bisschen grüner Leben vielleicht der Weg aus der “Passt schon”-Spirale sein? Ist Nachhaltigkeit der Schlüssel zum Glück?

Lebt nachhaltig, Leute, denn unsere Zukunft steht auf dem Spiel. Ja, wissen wir schon.

Aber: Schafft ein nachhaltigerer Lebensstil vielleicht mehr als “nur” eine Erde, die auch für unsere Kindeskinder noch Surferstrände mit puderweichem Sand, smaragdgrünen Hügellandschaften, schneeigen Gletschern und wilden Dschungeln voller exotischer Vogelstimmen bereithält? Ist ein bisschen grüner Leben vielleicht das, was uns allen fehlt zur wahren Zufriedenheit?

Denn: Hand aufs Herz: Bist du glücklich? Stehst jeden Tag auf, mit weichen Knien aus Vorfreude darüber, was der Tag so bringen wird? Bist du stolz auf die Spuren, die du, ja, genau du, auf diesem Planeten hinterlässt? 

Oder nicht?

Wir sind verdammt noch mal nicht glücklich, obwohl wir alles haben

Jup, ich weiß. Das Leben ist nicht nur Sternenstaub und Regenbögen, wir müssen Steuern zahlen und Kinder füttern und Omas anrufen und den Friseurtermin zwischen die Yogastunde und das längst überfällige romantische Date mit dem Langzeitpartner quetschen. Aber trotzdem, trotz all dieser vielen Alltagsstressigkeiten, brauchen wir etwas, das uns morgens gerne aufstehen lässt. Die Auswahl hätten wir ja, noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, so viele Informationen, so viele Aufstiege vom Tellerwäscher zum Millionär zu beobachten, dass die meisten von uns … genau, ganz verschämt den Kopf in den Sand stecken und andere um ihr tolles Leben beneiden.

 „Ikigai“ nennen es die Japaner: Das Finden des Lebenssinnes. 

Und der fehlt uns viel zu oft, in unseren Erste-Welt-Gesellschaften und auf dem massenangefertigten Komfortthron. Die Wenigsten von uns leiden Hunger oder müssen tagtäglich um ihr Leben fürchten (mich eingeschlossen, sonst hätte ich vermutlich was Wichtigeres zu tun, als diesen Artikel zu schreiben). Besonders die, die in Trendberufen, im Webdesign, im Marketing, als PR-Sprecher arbeiten oder in Jobs, die traditionellerweise mit einem eher großzügigen Einkommen assoziiert werden (Finanz, Pharmaindustrie), denen fehlt oft der Sinn hinterm täglichen Arbeitsrad.

In unseren Erste-Welt-Leben und auf dem massenangefertigten Komfortthron fehlt uns viel zu oft das Ikigai – der Lebenssinn. 

Wenn die Freude über regelmäßige Gehaltschecks und der Kurzzeit-Rausch spontaner Shopping-Trips ohne schlechtes Gewissen langsam verblasst, was bleibt dann noch? Zahlen, die du hin und her schiebst und die irgendwen, irgendwo, richtig reich machen. Produkte, die du Menschen verkaufst, denen du zuerst jegliche Überzeugung genommen hast, dass sie auch ohne glücklich sein können. Polierte Oberflächen, wenig dahinter. Nichts, was die Welt wirklich besser macht.

bist du die eine spezielle schneeflocke, oder bist du so wie wir alle?

Stopp, ja, natürlich. Es geht auch anders. Du kannst selbstständig sein und was verkaufen, in dem dein ganzes Herzblut steckt (das mach ich zum Beispiel mit meinen Texten). Für ein Unternehmen arbeiten, an das du wirklich glaubst. Medikamente bewerben, die das Leben von kranken Menschen tatsächlich besser machen. Aber leider sind das nach wie vor die Ausnahmen.

Was uns fehlt? Die ideologie

Und gerade hier kommt das ins Spiel, worum sich dieser Artikel dreht: Die Nachhaltigkeit als Schlüssel zum Glück. Denn grüner, bewusster, besser leben, das kann uns den Sinn im Leben wiedergeben. Aus Lieschen Müller wird Lieschen Mülltrenner. Aus Otto Normalverbraucher wird Otto Weltverbesserer. Die Welt geht vor die Hunde, aber Lieschen und Otto schauen nicht einfach zu, sondern bringen sich ein, helfen mit, werden aktiv. Neben dem Job, in dem wir mindestens 8, eher aber 10 Stunden unseres Tages verbringen, haben wir plötzlich einen zweiten Motor, der ständig mitlauft. Anders als Sport zum Beispiel, der natürlich ebenfalls glücklich machen kann (dieser Adrenalinrausch, wenn du das Fitnessstudio vor deinem Entspannungstag verlasst!), begleitet uns das Nachhaltig-Leben rund um die Uhr und ist nicht auf isolierte Zeitabschnitte beschränkt.

Aus Lieschen Müller wird Lieschen Mülltrenner. Aus Otto Normalverbraucher wird Otto Weltverbesserer. Die Welt geht vor die Hunde, aber Lieschen und Otto schauen nicht einfach zu.

Wenn ich jeden Tag einen Papier-Kaffeebecher wegwerfe, fällt mir das meist nicht auf. Wenn ich mir den Kaffee aber täglich in meinen Bambus-Becher füllen lasse, gibt mir das jedes Mal aufs neue eine Dosis „Weltverbesserer-Glücksrausch“ quasi umsonst dazu.

Besonders praktisch ist es außerdem, dass Nachhaltigkeit so ein breites Thema ist. Fast jeder kann irgendwo ein bisschen bewusster, ein bisschen sparsamer leben, ohne groß verzichten zu müssen. Wer in der Stadt wohnt, wird sein Auto nicht dramatisch vermissen. Wer gerne kocht, sieht es als willkommene Herausforderung, auf importiertes Gemüse zu verzichten. (Solange uns keiner die Avocados verbietet, natürlich). Also: Ein bisschen nachhaltiger sein ist leicht. Wenig Aufwand, ein bisschen mitdenken, führt gleich zu einem großen Erfolgserlebnis. 

und wo gehören wir dazu?

Neben der Frage nach dem Sinn treibt uns Menschen noch eine zweite Suche um: Nämlich die nach der Zugehörigkeit. Früher fanden wir sie im Familienverband, in der Religion, in der Dorfgemeinschaft. Wir konnten uns klar mit anderen identifizieren, uns sicher und geborgen fühlen.

Doch heute, in unserer Einzelkämpfer-Welt, in der wir alle dazu ermutigt werden, jeden Wesenszug zu verfolgen, der uns einzigartig macht, und uns voll und ganz auszuleben – find your passion –, sind wir viel weniger bereit dazu, uns mit Menschen abzugeben, die nicht so sind wie wir. Wenn uns eine soziale Organisation nicht auf Anhieb sympathisch ist, was tun wir dann? Wir machen uns auf die Suche nach einer besseren.

Heute, in unserer Einzelkämpfer-Welt, in der wir alle dazu ermutigt werden, jeden Wesenszug zu verfolgen, der uns einzigartig macht, sind wir viel weniger bereit dazu, uns mit Menschen abzugeben, die nicht so sind wie wir.

Das gilt übrigens auch für die Partnersuche. Wenn nicht mindestens 48 unserer 50 wichtigsten Kriterien erfüllt werden, sagen wir „nein danke“ und suchen lieber weiter – um im Endeffekt viel zu oft einsam und ebenso verbittert alt zu werden.

Aber wenn wir nachhaltig leben, wenn wir uns um unseren Planeten kümmern, dann sind wir plötzlich wieder Teil eines großen Ganzen. Mitglieder der Riege der Weltverbesserer. In der teilen vielleicht nicht alle jede einzelne unserer Meinungen. Dafür stimmen wir aber in einem wichtigen Punkt überein: Nämlich dem, dass wir bald mal alle anfangen sollten, unseren Hintern hochzukriegen und besser zu sein.

Was zählt, ist die handlung, nicht das ergebnis

Für beide Aspekte – den der Sinnsuche und den der Zugehörigkeit – ist allerdings der Prozess, der Einfluss auf unser tägliches Leben, deutlich wichtiger als das tatsächliche Ergebnis. Ob wir die Welt mit wiederverwendbaren Kaffeebechern wirklich retten können, ist eher Nebensache. Wenn wir also ganz harsch sein wollen, könnten wir sagen: Nachhaltigkeit als Glücksrezept funktioniert als Idealistik super. Und wer eine Idealistik hat, etwas, das ihn erfüllt, das ihn motiviert und anspornt, der ist zufriedener im Leben als jemand, der ziellos dahindriftet. Und sonst so?

und wenn doch das ergebnis zählt?

Wer nachhaltig lebt, hat immerhin auch physische Benefits. Solche, die selbst Klimawandel-Ignoranten nicht abtun können. Da ist zum einen die Ernährung.

  • Fleisch zum Beispiel: Brauchen wir evolutionär gesehen nicht. Ist auch nicht der beste Energielieferant (siehe Netflix-Doku Gamechangers), wie verschiedene Top-Sportler am eigenen Leib ausprobiert haben. Viel tierisches Fett und Protein ist außerdem verantwortlich für Krankheiten wie Gicht,  verschiedene Krebserkrankungen, aber auch verkalkte Arterien, einen hohen Cholesterinspiegel und Nieren- und Leberprobleme.
  • Obst und Gemüse: Je kürzer der Transportweg, desto höher der Vitamingehalt. Brokkoli verliert fast 50 % seines Vitamin-C-Gehaltes, wenn er international exportiert wird. Außerdem neigen wir dazu (aus Bequemlichkeit und Unwissen), meist dieselben Lebensmittel zu kaufen. Wird saisonal gekocht, sind die Zutaten bunter durchgemischt. Wer Probleme mit Schwitzen oder Frieren hat, profitiert ebenfalls: Denn im Winter sind wärmende Obst- und Gemüsesorten in Saison (Äpfel und Kohl) und im Sommer kühlende (Steinobst, Beeren).
  • Getränke in Plastikflaschen: Wissen wir alle. Zu viel Zucker, viel Chemie und krebserregende Süßstoffe in Limos, die außerdem Heißhungerattacken auslösen, sind eher nicht so toll für unsere Gesundheit.
  • Und all die unverschämt leckeren, klebrigen, palmölschweren Schokoriegel, Brotaufstriche, Gummibären und so weiter. Nicht nachhaltig, weil a) Einweg-Plastik, b) üblicherweise lange Transportwege und c) das erwähnte Palmöl (wer übrigens wissen will, was der Deal mit Palmöl ist, ob es immer schlecht ist und warum sich jeder Weltverbesserer die Hände nachhaltig reinwaschen will davon, dem kann ich die Palmöl-Episode des BBC Food Chain-Podcastes empfehlen).
  • Die Nahrungsmittel-Liste lässt sich ewig weiterführen. Muss ich aber gar nicht machen. Ich glaub, du hast‘s verstanden. Nur so viel: Je weniger verarbeitet, je regionaler, desto vitaminreicher und somit besser für dich und den Planeten.

Bewegung, shopping, volunteering und der schlüssel zum glück

Nächster Punkt: Bewegung. Autos sorgen für Emissionen. Räder nicht, und zu Fuß gehen auch nicht. Wir bewegen uns allgemein zu wenig und sitzen zu viel. Logischer Schluss: Mehr gehen, mehr strampeln, bessere Gesundheit, besser für die Umwelt.

Und dann die Shopping-Sache. Ja, die Modeindustrie ist der zweitgrößte Emissionsschuldige nach Erdöl und Erdgas. Und auch, wenn wir Shopping ganz gerne mal als unser Hobby bezeichnen: Es ist kein besonders erfüllendes. Jede Menge Studien haben gezeigt: Wenn wir unsere Grundbedürfnisse erst mal gedeckt haben, bringt uns das Mehr an Kaufkraft kein Mehr an Glücklichsein.

Menschen, die zu essen und zu trinken und außerdem ein Dach überm Kopf haben, sind in ärmeren Ländern viel glücklicher als in reichen Ländern.

Das besagt zum Beispiel auch das Easterlin-Paradox von Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin: Menschen, die zu essen und zu trinken und außerdem ein Dach überm Kopf haben, sind in ärmeren Ländern viel glücklicher als in reichen Ländern, wo sie außerdem gut Fast Fashion einkaufen können.

Der Verzicht auf den Shoppingwahn bringt also keine Traurigkeit, sondern hält uns schlimmstenfalls einfach nur im Neutralzustand fest.

Eudaimonia: Sein wahres Ich kennen und so handeln, wie es mit deinen Werten im Einklang steht. 

Ein bisschen weniger Social Media, ein bisschen mehr Reallife-Kommunikation, ein bisschen eher anderen helfen statt mehr oder weniger nutzlose Kommentare als digitale Brotkrumen zu hinterlassen: All diese Dinge tun unserer mentalen Gesundheit ausgesprochen gut.
Das wusste übrigens auch schon Aristoteles (ja, der schlaue Philosoph aus dem antiken Griechenland). Er nannte es Eudaimonia: Sein wahres Ich kennen und so handeln, wie es mit deinen Werten im Einklang steht. Wir alle sehnen uns tief in unserem Inneren nach etwas echtem, wahrhaftigen – und das bekommen wir nicht über die sozialen Medien.
Achja, warum ist online sein noch mal schlecht für die Welt? Weil dadurch Daten entstehen, die gelagert werden müssen, weil wir Server brauchen, die mit Strom betrieben werden, weil wir dafür Chips herstellen, für die seltene Metalle aus der Erde gebuddelt werden. Und so weiter.

wenn nachhaltigkeit unglücklich macht

Schon bin ich an dem einen Punkt angelangt, der tatsächlich nicht so toll ist an der Nachhaltigkeitssache: Sie kann verdammt überwältigend sein. Wer erst mal die Augen aufmacht, sieht Umwelt-, Verpackungs- und Plastiksünden an jeder Ecke, in jedem Passanten, online, offline. Und die tatsächlichen Auswirkungen des Nicht-Nachhaltig-Lebens ebenso,  in Bränden, Dürren, Überschwemmungen.

Wer erst mal die Augen aufmacht, sieht Umwelt-, Verpackungs- und Plastiksünden an jeder Ecke, in jedem Passanten, online, offline.

Da können wir schnell den Mut verlieren – wenn wir uns zu sehr an der Nachhaltigkeit als Ideologie festklammern. Sehen wir den Umschwung zu einem etwas bedachteren, grüneren, freundlicheren Leben als sanfte Transformation unseres Lebensstils, mit allen Vorteilen, die er unabhängig vom eigentlichen Zweck bringt, dann zerteilen wir das riesengroße Stück Verantwortung, das wir uns vom Weltverbesserer-Kuchen abgeschnitten haben, in bissengroße Teile – und die lassen sich sehr viel leichter verdauen.

100 % nachhaltig ist unmöglich - aber wir versuchen es

Es ist fast unmöglich, 100 % nachhaltig zu leben. Irgendwo, irgendwie schaden wir immer irgendwem, wenn wir nicht auf absolut alles verzichten wollen, das die moderne Welt ausmacht. Die Kunst besteht darin, eine gesunde Balance zu finden zwischen: Das tut mir gut und Das tut der Erde gut. Und dann vielleicht, ganz langsam, Stück für Stück, ein bisschen mehr Gutes für die Erde so umwandeln, dass es gleichzeitig auch uns glücklich macht. Ganz einfach also …

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